So gesehen #1 // Warum ich gar nichts muss und Du auch nicht
21:34Da ist er, der Tag aller Tage. Du stehst vor dem Standesbeamten voller Glück beseelt, weil Du DEN EINEN gefunden hast und natürlich für immer behalten möchtest und kaum dass die Tinte getrocknet ist, hört man Tante Trude schon raunen, wann sie denn Großtante werde und Ihr ein Haus bauen werdet; auch der Familien-Apfelbaum wartet bereits seit Jahren darauf von Dir gepflanzt zu werden. Ok, eigentlich träumst Du schon immer von einer Pekinesen-Zucht und einem Wohnwagen am Meer, aber was sind schon Träume gegen verstaubte Werte und Erwartungen. Vergiss Deine Träume und leb Tante Trudes Traum. Was soll’s man erwartet großes von Dir und das ist Challenge genug für Dich.
Die Abschlussprüfung ist kaum abgelegt, der Bachelor ist frisch in der Tasche, Du bist schon Ende zwanzig und hast immer noch keine dreißig Praktika absolviert, zehn Au-Pair-Kinder gepflegt, und 250.000 Euro aus einer findigen Start-Up-Idee verdient, auch Dein soziales Engagement lässt zu wünschen übrig. Neben dem Seniorenkreis, dem Training der Fußball-Bambinis und der Pflege der Nachbarskatzen – was Dich nicht auszulasten scheint - solltest Du Dich doch eigentlich schon noch auf Hohe See begeben um seltene Algenarten zu vermehren und den Kirchenkreis könntest Du ruhig auch jeden zweiten Tag besuchen. Das mit der Karriere ist sowieso verbockt, denn bald bist Du dreißig, da müsste man schon Geschäftsführer eines Hedgefonds, oder wenigstens Tanzstar im Russischen Bolshi-Teater sein, oder mindestens künftiger Bundespräsidenten-Aspirant, sonst gibt das in diesen Leben ohnehin nichts mehr.
Du isst morgens seit Kindesbeinen an Deinen Leberwurst-Toast und schlürfst dazu genüsslich den heißen Kakao, einfach weil es eine liebgewonnene Angewohnheit ist. P. S. keiner schmiert so tolle Leberwurst-Schnittchen wie Mutti (das musste mal gesagt werden, danke dafür). Wie, Du trinkst keine Sojamilch? … und die Leberwurst könntest Du eigentlich auch durch einen veganen Zwiebel-Schmalz-Aufstrich ersetzen, nicht wahr? Mit Chia-Samen getoppt auf einer Scheibe Bio Superfood-Brot ergibt das doch ein bekömmliches nachhaltiges Frühstück und für die Verdauung ist es auch noch gut. So ein fancy Skinny-Detox-Tee dazu ist auch ein super Substitut für Deinen Kakao. Ok er erinnert Dich eher an die Öko-Ilse mit dem Kräutergarten von nebenan, als an Deine liebe Frau Mama. Aber was muss, das muss – nicht wahr?
Worauf ich hinaus möchte:
Wir werden unser ganzes Leben lang tagtäglich von irgendwem oder irgenetwas getrieben, sei es von den Erwartungen anderer, Trends und Dingen die man machen muss, weil es eben immer schon so war und auch so bleiben soll. Fakt ist: Ich muss gar nichts und Du sowieso nicht! Du musst nur eins: Dein Leben gestalten, sodass Du zufrieden bist und abends mit einem leichten Gemüt und einem Lächeln auf den Lippen zu Bett gehen und in Dich im Spiegel betrachten kannst, um Dir zu sagen: „Heute war ein schöner Tag, so machen wir morgen weiter!.Tu einfach das, was Dir gefällt: Trag links und rechts verschiedene Socken, züchte Einhörner, bekomme zehn Kinder, oder eben keine, Trink Kakao mit Sahne, oder Fencheltee mit Cola. Schaue „Bauer sucht Frau“ und lass die Nachrichten links liegen, oder schaue 24 Stunden lang Dokumentationen über Historische Meilensteine und kitzele Deine Synapsen mit dem Studieren des Brockhaus' – vorwärts und rückwärts. Streichele kleine Ferkel, oder schmiere sie Dir mit Petersilie garniert auf Deinen Toast. Kurzum: Leb Dein Leben, wie es Dir gefällt, egal was die anderen sagen, oder von Dir erwarten. Dein Leben gehört Dir und wenn Du rosa Kuschelsocken brauchst um locker flockig von Level zu Level zu gelangen, bis Du irgendwann vor dem Endboss stehst, dann tu es einfach.
Eine weise Frau hat mal zu mir gesagt: „Im Alter bereust Du nicht die Dinge, die Du getan hast, sondern die, die Du nicht getan hast.“ – Danke Mama!
Für mehr wollen und weniger müssen!
* Dieser Beitrag ist zur besseren Veranschaulichung etwas überspitzt formuliert. Niemand soll sich durch meine Worte verletzt oder angegriffen fühlen, denn wie wir gelernt haben: Jeder darf und soll sein Leben so leben, wie er möchte.
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